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Dienstag, 11. Juli 2006

Semesterrückblick: Kultur und Management bei Studienakademie in Prag

Die Studenten von Kultur und Management blicken zurück auf ihre Reise im März zur Studienakademie nach Prag.

Bilder aus Prag

Studenten von Kultur und Management bei der Studienakademie Prag 2006

Prolog
Wir wollten nach Prag. Hoch motivierte, begabte und selbstverständlich kulturinteressierte Menschen – das sind wir, bereit uns dem Prager Charme zu ergeben. Lächelnd überstanden wir die opaken Wechselkurse, das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifen Servicepersonals und die jugendlich amüsante Unterkunft. Amüsant vor allem, weil diese ungeahnte Emotionen hervorrief, welche für eine gehörige Zeit zu unserer Erheiterung beitrugen. Wir ließen uns das Bier schmecken, genossen die günstigen Preise und lauschten interessiert den Geschichten Prager Kulturleute. Selbst das straffe Tagesprogramm hielt uns nicht davon ab, gut gelaunt, mit den Folgen nächtlicher Eskapaden kämpfend, zuzuhören und Fragen zu stellen. So sind wir: diszipliniert, wacker – echte KulturManager eben. Ein bisschen war alles wie damals, als wir noch auf Klassenfahrt waren. Eine gute Mischung aus Entdeckung und Narretei.
So haben wir uns gedacht, dass alle davon profitieren, einen kleinen Überblick über unsere Stationen in Prag zu geben. Echte KulturManager eben, behalten nichts für sich, handeln altruistisch und wollen natürlich missionieren…

Einen gelungenen Auftakt der Studienakademie bot der Besuch des Königlich-Tschechischen Nationaltheaters in Prag. Im Gespräch mit der Pressesprecherin und dem Generalsekretär des Hauses erhielten wir Einblick in die Finanzierungsstrukturen der staatlichen Institution und in die Geschichte des wichtigsten Repräsentationsobjekts des tschechischen Nationalbildungsprozesses im 19. Jahrhundert. Als Einrichtung, die allein vom Kulturministerium jährlich 20 Mio. Euro erhält, muss sich das Nationaltheater keine allzu großen Zukunftssorgen machen.

Im Goethe-Institut beschäftigte uns die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Institute. Als Regionalinstitut in Osteuropa weniger von Verlagerungstendenzen betroffen, stehen Maßnahmen struktureller Änderungen zur Debatte, so der Leiter Dr. Nobbe. Ein Abrücken von der Kameralistik, könnte mehr Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortlichkeit beim Einsatz von Geldmitteln ermöglichen. U.a. durch den verstärkten Einsatz externer und projektbezogener Mitarbeiter, könnte ein Gleichgewicht von Projekt- und Betriebskosten hergestellt werden. Keine allzu dunklen Wolken über dem Goethe-Institut in Prag. 

Bei unserem Besuch des Jüdischen Museums stellte uns Direktor Leo Pavlát die private Institution vor. Es ist das Symbol der jüdischen Gemeinschaft in Prag und mit über 500.000 Besuchern jährlich das meistbesuchte Museum Tschechiens. Aufgrund der relativ guten finanziellen Situation – das Museum erhält keine Fördermittel vom Staat! –  kann das Museum, das über eine wertvolle Sammlung verfügt, nicht nur in die Renovierung jüdischer Einrichtungen investieren, sondern auch in Sozial- und Bildungsprogramme.

Einen weiteren Höhepunkt am Freitag bildete der Vortrag von Herrn Prof. Sokol, dem ehemaligen Bildungsminister und Präsidentschaftskandidaten, zur kulturellen Entwicklung in Tschechien bzw. Prag von der Christianisierung im 9. Jahrhundert bis zur heutigen Kulturlandschaft.

Unsere erste Station am Samstag war das private Auktionshaus „Dorotheum“, das 1992 als erste Auslandsfiliale gegründet wurde – beheimatet ist dieses in Österreich. Die Leiterin des Hauses, Frau Gallowa, erläuterte uns, wie schwierig es war, in den Jahren nach der "Samtenen Revolution" einen privaten Kunstmarkt aufzubauen. Weder die Besitzer von Kunstwerken noch Kunstinteressierte waren mit diesem System vertraut.1998 bezog das Dorotheum ein charmantes Haus in der Prager Altstadt. Dort befindet sich auch eine Verkaufsgalerie, wo wir KuMs inmitten verschiedenster Kunstwerke dem Vortrag lauschten.

Anschließend empfing uns die Direktorin von ProCulture, Frau Smolikova, die die Non-Profit-Organisation im Frühjahr 2003 mit finanzieller Hilfe durch das Open Society Institut Prag gründete. “PC“ konzentriert sich auf Forschung, Information und Bildung in den Bereichen Kunst und Kultur und unterstützt die tschechische Kulturpolitik. Wir bekamen einen Überblick über den von Künstlern mitgestalteten Wandel zu Beginn der 90er Jahre und die weitere Entwicklung der Kulturpolitik in Tschechien. Frau Smolikova beklagte das Fehlen eines demokratischen Kontrollsystems und die hohe Willkür. Es gibt zu wenig Kontrolle zwischen Staat und den Mittelempfängern, erst im Mai 2006 wurde ein erstes Kulturgesetz vorgeschlagen. Insgesamt ergab sich so ein interessantes aber eher trauriges bzw. ungerechtes Bild von der aktuellen Kulturförderung in Tschechien.

Kommen wir zu unserer letzten Station: das „Obecni dum“. Das Nationaldenkmal dient heute mit seinen Veranstaltungs- und Ausstellungsräumen sowohl kommerziellen, als auch repräsentativen Zwecken. Bei unserem Besuch sprachen wir mit der Kuratorin des Hauses, die uns in die Tätigkeiten ihres Ausstellungsbereichs einweihte. Interessant ist dabei, dass die Stadt jährlich eine Ausstellung (ob Jugendstil, moderne tschechische Kunst oder Fotografie) vorgibt, die von den Kuratoren umgesetzt werden muss. Einnahmen aus kommerziellen Tätigkeiten fließen in den Ausstellungsbereich ein. Davon profitieren die qualitativ hochwertigen Ausstellungen, die einen Besuch lohnen!

Epilog
Irgendwie kannten wir alle Prag und haben doch etwas Neues entdeckt. Wenn auch der Prager an sich ein undurchsichtiger Zeitgenosse bleibt, war da etwas zum Mitnehmen – vielleicht Charme, vielleicht auch die Kraft einer Stadt und ihrer Menschen, die etwas zu bewegen wissen.

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